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Deine Lakaien
Acoustica - ein Fest der Musik

06.04.2019
Acoustica - ein Fest der Musik
Ein Gastbeitrag zum Berliner Konzert

Deine Lakaien haben gerade ihre neue „Acoustic“-Tour gestartet, um ihr XXX-jähriges Jubiläum zu feiern. Im guten Deine-Lakaien-Stil änderte sich das Arrangement jedoch komplett: Statt zweier kompletter Bands wie bei den Konzerten der Retrospective Tour ist das Set komplett akustisch.

Man sollte sich dessen bewusst sein, dass diese Konzertreihe „Acoustica“ viel mehr ein Fest der Musik ist als eins der Musiker. So umfasst diese Aufführungsreihe nicht nur Songs von Deine Lakaien, sondern gleich zu Beginn auch die beiden Soloprojekte: Ernst Horns Helium Vola und Alexander Veljanovs gleichnamiges Soloprojekt VELJANOV.

Als Intro erleben wir „A voi che amate“, vorgetragen von Helium Volas Hauptstimme Sabine Lutzenberger. Sabine wird von Ernst Horn gekonnt am Klavier begleitet. Dessen ständig wechselnden federleichten Rhythmen schaffen eine verspielte Grundstimmung, während Sabine mit ihrer bezaubernden Stimme das Publikum in eine andere Welt entführen kann - in eine Welt voller mittelalterlicher Poesie über Liebe und Frühling, uns aber auch das schmerzhafte Schicksal einer unverheirateten schwangeren Frau dieser Zeit nahebringt. Als Expertin auf dem Gebiet der Alten Musik trägt Sabine Lutzenberger sehr zu diesem mittelalterlichen Stimmungsbild bei, indem sie schöne Ornamente um Ernsts wunderbare Melodien improvisiert.

Viele der vorgetragenen Lieder waren noch nie live zu hören, wie „Printemps“ und „Frauenklage“ aus dem Album „Liod“, „Saber d’amor“ aus „Für Euch, die ihr liebt“ und „Uf der linden obene“ aus dem neuesten Album von Helium Vola „Wohin?“. Diese Titel geben einen kleinen Eindruck von der Vielfalt der bei Helium Vola verwendeten Sprachen: Provenzalisch, mittelhochdeutsch und lateinisch, um nur einige zu nennen. Das letzte Lied des ersten Teils dieser „Festivalnacht“ ist das irische traditionelle „The unquiet grave“ in einer speziellen Helium-Vola-Version. Und wir beginnen, die Verbindung zu Deine Lakaien zu verstehen, denn Alexander erscheint nun auf der Bühne und übernimmt den Gesangs-Part, der bei diesem Stück auf dem Album von Joel Frederiksen gesungen wird. Die beiden Stimmen scheinen perfekt zu harmonieren. Niemand kann sich in diesem Moment der Sogwirkung entziehen, das Publikum wird in ätherische Sphären entrückt.

Dieser Song schafft den fließenden Übergang zum nächsten Soloprojekt, VELJANOV. Es geht weiter, als Veljanov das „Lied für Annabell Lee“ spielt - ein Lied inspiriert von einem E. A. Poe Gedicht. Begleitet wird Alexander von Igor Zotic am Klavier und Goran Trajkoski an der Gitarre. Für die ersten drei Songs dieses Sets greifen sie teilweise Ernsts Art und Weise auf, Rhythmen zu verwenden, die sie in die eigene Instrumentierung integrieren. Dadurch schaffen sie einen sehr harmonischen und natürlichen Übergang von einem Set zum nächsten, obwohl die Musikstile der Projekte eigentlich sehr unterschiedlich sind. Es ist das erste Mal, dass Lieder des „Veljanov“-Projekts in einer akustischen Version präsentiert werden. Der in „Veljanov“-Liedern häufig vorkommende Klang der Hammond-Orgel wird hier durch eine Melodica ersetzt, die Igor in Kombination mit dem Klavierspiel gleichzeitig bedient. Diese Lösung mag optisch seltsam aussehen, erweist sich aber als sehr effektiv. Im Allgemeinen wirkt der Übergang zur Akustik sehr natürlich und bringt auch neue Facetten in die Songs ein. Ohne den Regen driftet man in den „Sommernächten“ in eine andere aber nicht minder ansprechenden Atmosphäre im Vergleich zur Albumversion.

In Berlin, dem Konzert, an dem ich das Vergnügen hatte teilzunehmen, dauerte es eine Weile, bis Alexanders Stimme am Ende des Sets mit „Nie mehr“ und „Fly away“ frei wurde - sie bekam geradezu Flügel. Das Problem war nämlich, dass einige Leute im Publikum trotz des bestuhlten Konzerts anfangs hin und her liefen und mit knallenden Türen den Saal verließen und später wieder mit Speisen und Getränken betraten. So etwas ist in einem akustischen Konzert sehr irritierend, wie Alexander nach der Pause zu Beginn des „Lakaien“-Sets anmerkte. Seine Bitte, diese Unruhe zu beenden, wurde im Publikum mit viel Beifall bedacht.

Während sich das Set „Veljanov“ auf frühe Songs konzentrierte, betonen Deine Lakaien - mit nur noch Alexander und Ernst auf der Bühne - die zweite Hälfte der Entstehung ihrer gemeinsamen Band. Im Gegensatz zum rockigeren „Veljanov“-Set wählen sie hauptsächlich Songs aus ihren Balladen-Repertoire. Mir scheint so eine Wahl eine schier unlösbare Aufgabe zu sein, aufgrund der großen Vielfalt der schönsten Balladen, die zur Auswahl stehen. Die zweite Hälfte des Abends beginnt mit „Where the winds don’t blow“ von ihrem neuesten Album „Crystal Palace“, einem Song, der nach meinem Eindruck auch zum Projekt „Veljanov“ passen würde. Wieder öffnet sich eine Tür und wir betreten nun die Welt von Deine Lakaien. Diese Welt ist zu vielschichtig für mich, um sie auf eine Weise zu beschreiben, die dieser auch nur halbwegs gerecht wird. Die Routine, welche die beiden Jungs in den vielen Jahren des gemeinsamen Auftretens angesammelt haben, lassen sie nie spüren - diese bildet jedoch eine solide Basis, um die Musik nun maximal zu entfesseln. Auch wenn Alexander zwischen den Songs ein paar Scherze macht und Geschichten aus der Vergangenheit zum Besten gibt (und so Ernst etwas Zeit für die Präparierung des Klaviers verschafft), liegt der Fokus von ‘Acoustica’ nie auf Show, sondern stets auf Musik. Alexander kündigt in Berlin nun den Song „Return“ an, indem er berichtet, dass Deine Lakaien zwar noch nie zuvor ein Konzert hier im „Admiralspalast“ gegeben haben, dass deren Video zu diesem Song aber genau an dieser Location gedreht wurde. Als sie das älteste Lied des Sets, „Down, down, down“, spielten, würdigte Alexander Carl - der beim Konzert anwesend war - als die Person, ohne die Deine Lakaien nicht existieren würde. (Als kurze Anmerkung: Carl Erling war der erste, der Deine Lakaien unter Vertrag nahm, und sie arbeiteten mehr als ein Jahrzehnt lang mit ihm zusammen.)

Obwohl der Maßstab, den Deine Lakaien-Konzerte gesetzt haben, sehr hoch ist, war dieses Konzert eines der besten, die ich je besucht habe. Nach 30 Jahren schaffen es diese Musiker immer noch, positiv zu überraschen. Die größte Überraschung von allen ist vielleicht der letzte Song der Zugabe, bei dem alle Musiker des Abends wieder zusammenkommen, um gemeinsam „Nuestras vidas son los ríos“ von Helium Vola zu spielen. Alexander findet seine eigene volkstümlich-traditionellere Herangehensweise an den Song und demonstriert einmal mehr die Verbindung zwischen den verschiedenen Projekten, die aus den Studioproduktionen so nicht ersichtlich ist.

Und wir hoffen, dass der Strom der Musik von Deine Lakaien noch einen langen Weg vor sich hat, bis er ins Meer mündet. Denn Deine Lakaien zelebrieren wahrhaftig die Musik!

CM - (Englisches Original, ins Deutsche übersetzt)

(Bild: Dea)