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Deine Lakaien
Dual+ – ein musikalisches Unboxing

22.11.2021
Gerade erst haben Deine Lakaien mit Dual ein Konzept-Doppelalbum veröffentlicht, das alte wie neue Fans begeistert hat. Leider musste die Tour dazu wegen der Corona-Pandemie ins nächste Jahr verlegt werden. Dafür beschenkt die Band uns am Freitag mit einem weiteren Album – Dual+. Wir durften schon einmal lauschen und können daher sagen: Es ist ein Überraschungspaket, das es in sich hat!

Wer gerne Geschenke auspackt, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen und sich das Werk erstmal selbst zu Gemüte führen. Es lohnt sich!

Das Geschenkband, das das musikalische Paket zusammenhält, besteht aus zwei Wiegenliedern. Zu Beginn steht eine Eigenkomposition, deren Einstieg klanglich an das Stück „Unkown friend“ von Dual erinnert. Sanft zwischen Moll und Dur schwebend singt Alexander Veljanov ein kleines Kind in den Schlaf und schafft eine tröstende Oase der Ruhe. Das Ende, bei dem Schutzengel das Kind bewachen, wirkt zunächst etwas abgesetzt. Dieser Teil erschließt sich so richtig erst mit dem Wiegenlied des russischen Komponisten Mikhail Glinka, mit dem Dual+ schließt. Tatsächlich orientiert sich die musikalische Struktur des Cradle Song stark an dem klassischen Stück, das mit einem Gebet für das schlafende Kind endet.

Das Geschenkpapier ist bereits mit Lyrik-Videos auf YouTube veröffentlicht worden. Nightfall schließt sich nahtlos an das erste Stück an, weist es doch als typische Lakaienballade ganz ähnliche Dur-Moll Wechsel auf. Dazu gesellen sich geradezu poetisch getextete Strophen. Der ebenfalls typische, etwas treibende Rhythmus ist hier einen Tick komplexer als üblich und wie die phrygische Harmonik (https://de.wikipedia.org/wiki/Phrygischer_Modus) zu Beginn der Stophen sowie im Motiv zu „Nightfall, Nightfall“ schon ein ganz direkter Hinweis auf das folgende Cover.

Die Psychedelik von „Set the controls for the heart of the sun“ hat Herr Horn dann etwas zurückgenommen und ich bin sicher, dass Pink Floyd das Stück heute ähnlich anlegen würden. Alexander Veljanovs Gesang macht das Cover dann ganz zu einem Lakaien Song, ohne dabei das Original zu verraten.

Nachdem wir uns durch das buchstäblich himmlische Geschenkpapier durchgearbeitet haben, springt uns mit „Self Seeker“ die erste Überraschung entgegen. Das Stück erinnert sowohl von der experimentellen Elektronik als auch vom Gesang her an 1987 – das zweite Lakaien Album, das als siebtes veröffentlicht wurde. Zunächst schleppt sich das Stück durch die Strophen, überquert eine groteske Brücke, um sich dann im Refrain höher und höher zu schrauben bevor es wieder abfällt. Sehr theaterhaft von der Dramatik her.

Bei der folgenden 2. Version zu „Run“, das sich als Song bereits auf Dual findet, rückt die Pentatonik stärker in den Vordergrund. Das Stück wirkt dadurch etwas fragiler und kommt wie in einem kleinen Theater daher. Dazu passt dann auch die Lakaien-Version von „Losing my religion“, die ganz überraschend rein akustisch daher kommt mit einer wiedermal wunderbaren Klavierbegleitung vom Ex-Kapellmeister Horn. Zur Steigerung kommt dann zunächst eine Flöte dazu – später sind noch Streicher ähnlich zurückhaltend beigemischt. Ein Stück, dass man gerne genau so live hören möchte, zumal Veljanov R.E.M. hier durchaus eigen, aber doch werkgetreue interpretiert.

Und die Überraschungen nehmen kein Ende. Mr. DNA von Devo, deren früher dissonanter, synthetischer Musik man guten Gewissens einen Einfluss auf die frühe musikalische Entwicklung der Lakaien unterstellen kann, wird hier auch ausschließlich mit Klavier begleitet. Hände und Arme tun schon vom Zuhören weh. Dennoch Kopfhörerempfehlung hier, denn Ernst Horn spielt hier fleißig mit der Stereoeinstellung, so dass Alexanders Stimme fast von rundherum zu kommen scheint.

Die folgende Eigenkomposition „Altruist“ ist dann ein ruhiges Stück mit in sich gekehrter Elektronik. Dennoch könnte gerade dieses Stück das Pendent zu Mr. DNA sein, indem es die Textzeile „He’s an altruistic pervert“ auf eine positive Weise aufgreift. Mich erinnert das Stück entfernt an „Prayer“ vom Album „White Lies“, indem es darum geht, eine von tiefsten Herzen altruistische Person, quasi zu klonen.

Die Zuordnung ist allerdings nicht ganz einfach, denn auch im Folgenden, wieder sehr experimentell-elektronischen „Fork“ vermag man Devo-Einflüsse zu finden. Kunststück!

Das war dann leider auch das letzte Stück, dass sich in diesem Paket findet. Das bereits zu Beginn erwähnte Wiegenlied aus der Sammlung „Lieder und Tänze des Todes“ von Glinka bildet dann den Abschluss. Erstaunlicherweise findet sich ausgerechnet hier keine Klavierbegleitung wie man sie klassischerweise erwarten würde (wie z.B. hier: https://www.youtube.com/watch?v=xiUXArdvAvQ). Unverhofft kommt eben oft bei Dual+. Gedämpfte gezupfte Saiten, Streicher und Balalaikaklänge passen dann aber ganz wunderbar zu der weichen Stimme Veljanovs, der hier natürlich sehr schön auf russisch intoniert.

Anmerken möchte ich noch, dass für mich hier die Cover-Idee organischer daherkommt als bei Dual. Die stark experimentelle Elektronik ist sicher ein Schmankerl für „alte“ Lakaien-Fans. Insgesamt ist es ein Album für Musikliebhaber, das ganz für sich besteht und eigentlich einen eigenen Namen verdient hätte. Was für ein Glück, dass die Lakaien diesen Silberling noch haben pressen lassen!

CM

Foto-Credits:
(c) Joerg Grosse-Geldermann