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Helium Vola
HELIUM VOLA
„Für Euch, die Ihr Liebt“

22.04.2009
Nun ist es also endlich soweit, das lang ersehnte, neue Helium Vola Album „Für Euch, die Ihr liebt“ ist endlich erschienen. Und ich habe hier meine ersten Eindrücke zu Papier gebracht. Bevor ich mich den einzelnen Liedern widme, hier die Kurzfassung: „WOW“, es ist einfach großartig.

Ernst Horn ist einzigartig, er zeigt, dass es mehr Grade von „perfekt“ gibt, als man sich vorstellen kann. Wenigstens dachte ich immer, die ersten Helium Vola Alben wären bereits perfekt. Und sie sind es, dieses aber eben noch mehr. Also zieht los und holt es Euch, falls Ihr es noch nicht habt und hört es an.

Der erste offensichtliche Unterschied zu den anderen zwei Helium Vola Alben ist, dass es in „Für Euch, die Ihr liebt“ keine Samples zwischen den eigentlichen Stücken gibt, die die Lieder verbinden. Ich mochte diese immer sehr, aber bei diesem Album werden sie einfach nicht benötigt, da ein Stück zum anderen passt wie die Steine in einer Pyramide. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb mir das Album zunächst sehr homogen erschien, was es aber nicht ist. Es finden sich in den Stücken viele verschiedene, ausgearbeitete Ideen ebenso wie viele neue, interessante und manchmal lustige Samples (z.B. in „Mar(x)s attacks“). In den Presseveröffentlichungen sind die beiden CDs bereits als „Geschwister“ beschrieben worden. Aber es ist keineswegs so, dass einen „weißen“ und einen „schwarzen“ Teil gibt. Beide haben mehr Tiefe und reflektieren verschiedene Facetten der Liebe (zu einer Person oder einem Volk/Land) und mit ihr verbundenen Emotionen (Hoffnung, Verzweiflung, Freude, Abscheu, Zorn, etc…).

„Ah voi che amate“/„Preghiera“ ist das erste Zwillingspaar, das das Album eröffnet. Die Verbindung zwischen diesen Stücken ist offensichtlich. Es scheint mir, als gehörten die beiden Teile zu demselben Stück und wären auch so aufgenommen.

„Saber d’amor“ ist bereits von der Helium Vola Seite auf MySpace bekannt. Es ist ein Ohrwurm, genau wie „Nummus“ und viel eher ein Frühlingslied als „Ecce gratum“ (dazu später mehr). „Nummus“ verbindet Religion und Geld auf sehr direkte Art und erinnert mich and Ernsts Hörspiel „Greed freedom“, das den Kapitalismus als die Religion unserer Tage in einer vielleicht etwas subtileren Weise auffasst. Ich frage mich, welches Stück wohl zuerst geschrieben wurde. („Greed freedom“ kann man sich hier bei Bayern2 anhören und runterladen.)

„Oh pescador“ and „Mayab“ bilden ein Paar mit dem Thema „gefährliche Schönheit“ – auf der einen Seite der Fischer (noch nicht) verführt von der Nixe und auf der anderen Seite ein Lied in der Maya-Sprache, das das wunderschöne Land der Maya preist, allerdings nicht ohne sich der mörderischen Rituale dieser Kultur bewusst zu sein. Daher wird „Mayab“ gefolgt von (oder besser: es wird übergeblendet in) „Mord“. Ein Solo von Joel Federiksen wie auch „Blow, northerne wynd“, in Mittel-Englisch geschrieben von dem berühmten „Anonymus“. (Einige Kommentare zur Sprache finden sich hier.) Joel Frederiksen ist bekannt für seine Interpretationen Früher Musik und Lieder der englischen Renaissance. Obwohl sein „basso profundo“ sich in diesem Stück nicht so voll entfalten kann wie in anderen, scheint dieses Lied für ihn geschrieben zu sein. Was für eine reiche Stimme!

Mit „Mes longs cheveux“ gibt Gerlinde Sämann eine sehr schöne Interpretation des Stückes von Debussy. I finde, dass ihr zurückhaltendes Vibrato die scheue Mèlisande viel besser verkörpert als das kräftige wie es sonst von Opernsängerinnen eingesetzt wird. Und es kam mir der Gedanke, wie gerne ich eine Inszenierung von „Pellèas et Mélisande“ (die Oper, der das Stück entnommen ist) von Ernst sehen würde. Ich schätze, dass Karlsruhe nicht wirklich ein guter Ort dafür war. „Canta me“ – beschreibt dieses Stück das Schicksal von Mélisande wenn sie nicht jung gestorben wäre? Weit fort von zu Haus, sich sehnend nach Rast und Frieden?

Die Morgendämmerung („l’alba“) der kommunistischen Bewegung wird in ihrem Ursprung beschrieben im „Manifest der kommunistischen Partei“, das sich teils im Song „Manifesto“ wieder findet. Es ist ursprünglich auf Deutsch erschienen und so scheint es mir bemerkenswert, dass Ernst hier Italienisch als Sprache gewählt hat. (Es erinnert mich ein bisschen an die „Mani bianchi“ auf dem DL Album „White lies“.) Das „Manifest“ wurde übrigens 1932 vertont von dem tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff, der 1942 in dem „Lager für Bürger anderer Staaten“ in Weißenburg/Bayern umgebracht wurde. Ich bin sicher, dass es sich lohnt, hier nachzuforschen.

Bei „In so hoher swebender Wunne“ habe ich Gänsehaut bekommen. Andreas Hirtreiter singt fast das gesamte Stück mit Kopfstimme und schafft damit eine sehr zerbrechliche Atmosphäre. In „Quan lo pet“ auf der anderen Seite singt er selbst mehrstimmig. Der Text ist sehr ironisch, wenn nicht zynisch über die „Liebe“. Und Ernst zeigt, dass er durchaus gemein sein kann, hier einfach Maggie Thatcher zu sampeln ;)

„Friendly fire“ und „Ray gun“ bilden wieder ein offensichtliches Paar mit schönen Samples. Tatsächlich spielt Ernst hier verrückt („auf die Kacke hauen“ hat er es in einem Interview genannt). Falls Ihr den Film „Mars attacks“ nicht gesehen habt, dann macht es. „Ray gun“ ist viel lustiger, wenn man die Verbindungen versteht. „We are friends, do not run!“ YIKES!

Die beiden Petrarca Gedichte waren die Stücke, bei denen Ernst befürchtet hat, dass sie etwas schwierig (er hat es „sperrig“ genannt) sind. Nun, ich finde, dass sie einfach großartige Interpretationen sind und tolle „a capella“ Stücke, bei denen sich die Elektronik so „einschleicht“. Eine Herausforderung, die die Sängerinnen und Sänger mit Leichtigkeit meistern. Die so wunderbar erzeugten Spannungsbögen werden schließlich mit der weichen Stimme von Boris Benko in „Escoutatz!“ und „Darkness, darkness“ zugedeckt.

„Maienzeit“ ist ein wirklich wundervoller, sehr trauriger Song, dessen Schmerz sich gut in der Musik wieder findet. Wenn ich bisher nichts über Sabine Lutzenberger gesagt habe, dann weil es eigentlich unnötig sein sollte. Denen, die die Vorgängeralben nicht kennen, sei gesagt, dass es ihre Stimme ist, die das „Helium“ fliegen lässt und allein Grund genug, nach dieser Musik süchtig zu werden. Und schon wieder Gänsehaut! Der „Zwilling“ zu „Maienzeit“ ist das Lied „Moorsoldaten“ und die einzige Paarung, die ich nicht ganz verstehe – abgesehen von der Tatsache, dass es eine sehr starke Interpretation ist. Dieses Lied wurde in den 1930er Jahren in dem Konzentrationslager „Börgermoor“ geschrieben (mehr Informationen finden sich hier) und macht mich immer extrem traurig. Vielleicht ist die Verbindung (neben der tiefen Traurigkeit) der „Winter“, der in dem ersten Stück so bald nach der kurzen Maienzeit beginnt, während die „Soldaten“ im Moor einen scheinbar ewig dauernden Winter erleiden, aber dennoch nicht die Hoffnung aufgeben, dass er einst enden wird. Hmmm, schwierig.

Und nicht zuletzt: „Ecce gratum“ erscheint mehr als ein Stück über den Sommer mit seiner langsamen, flirrenden und manchmal erdrückenden Hitze. (Es gibt eine treibendere Version dieses Stückes auf der „Sonic seducer“ CD. Eine schöne Demonstration wie leicht es Ernst fällt, Trends aufzunehmen, wenn er will. Wie z.B. orientalische Klänge zu adaptieren, was momentan „in“ zu sein scheint.) Außerdem würde ein leichtes, tanzendes Frühlingslied kaum zu „Nuestras vidas“ mit seinem relativ langsamen, aber eindringlichen synkopischen Rhythmus passen. Jeder Sänger kann noch einmal strahlen, bevor der Refrain schließlich ins Meer entschwindet. Ein würdiger Abschluss dieses Albums und ich habe – eigentlich unnötig zu sagen – Gänsehaut!

von CM

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