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Helium Vola
HELIUM VOLA „Wohin?“
- eine Richtungssuche

22.02.2013
Nun ist es also endlich soweit: Das neue Helium Vola Album, das Ernst Horn bereits vor über einem Jahr angekündigt hatte, ist erschienen. Die Verzögerung ist der Tatsache geschuldet, dass unser allseits geliebter Komponist eben doch nicht ohne Konzept arbeiten kann, selbst wenn er es versucht. Das Album heißt daher auch nicht „Quodlibet“ (lat. „wie es beliebt“) wie ursprünglich geplant, sondern „Wohin?“ und ist eine Art Standortbestimmung, an deren Ende ein Fragezeichen steht.

Wie sein Vorgänger „Für Euch, die Ihr liebt“ ist auch „Wohin?“ wieder ein Doppelalbum geworden, wobei die allgemeine Stimmung aber melancholischer und verzweifelter ist. Dabei setzt sich der Trend zu Ensemble-Stücken fort – unter den 19 Tracks finden sich gerade einmal noch vier Lieder im engeren Sinne. Für mich eine absolut wunderbare Neuentdeckung (fast möchte ich sagen „Offenbarung“) dabei sind die Duette. Hier kann sich Ernsts wunderschöne Melodieführung frei entfalten und dennoch klingen verschiedene musikalische Themen gegen- und miteinander. Keine leichte Kost also, aber wer hätte das auch erwartet? Menschen, denen einfache Rhythmen und mehr Bewegung zusagen, müssen sich bei der ersten CD bis zum sechsten Stück gedulden und steigen vielleicht doch besser mit der zweiten CD ein, die einfacher beginnt und auch insgesamt energischer ist als die erste, die eher von sehnsüchtiger und trauriger Melancholie erfüllt ist. Die Strategie, mit der zweiten CD einzusteigen, möchte ich auch Helium Vola Neulingen empfehlen, die bisher in keiner Form mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind. Es tut dem Erleben des Albums keinen großen Abbruch, da man sich mit den Stücken ohnehin wie durch ein Labyrinth bewegt und am Ende weder am Ausgang, noch im Zentrum angekommen ist. Das mag jetzt etwas chaotisch anmuten. Dennoch ist es absolut lohnenswert und musikalisch bereichernd, Ernst auf seiner Suche zu folgen und „Wohin?“ ist einmal mehr eine Wohltat für die (schwarze) Seele.

Das Album beginnt mit Nubibus atris, bei dem die zwei musikalischen Themen zunächst nacheinander von Sabine Lutzenberger vorgestellt werden, bevor sie dann gemeinsam erklingen. Das zweite, eher monotone Thema wird dann in Uf der linden aufgegriffen und zu einer wunderschönen Melodie entwickelt. Auch hier lässt Ernst Sabine und Andreas Hirtreiter zunächst einzeln ganz dem Wechsel von Dietmar von Aist folgen, um die beiden Stimmen der Liebenden dann am Ende in den ersten zwei Strophen von „Slâfest du, friedel ziere“ desselben Dichters zu vereinen.

Es folgt das galizisch-portugisische A Virgen Santa Maria, das die „älteren“ Fans sicher an „Non sofre Santa Maria“ von Qntal I erinnern wird, denn wie dieses stammt es aus den „Cantigas de Santa Maria“. Wie schon bei Qntal bleibt Ernst hier in Melodie und Rhythmus nah an der ursprünglichen Fassung, geht aber sehr frei mit den Strophen um. Dabei sorgen die ständig wechselnden Stimmpaarungen des Ensembles dafür, dass das Stück interessant bleibt. Schön sind auch die wirren Glocken zwischendrin. Auf dieses lebhafte Stück folgt die Witwenklage gesungen von Gerlinde Sämann, ein über weite Strecken zweistimmiges Lied, das aber im Refrain vierstimmig wird. Die verschiedenen Stimmen scheinen dabei aus unterschiedlicher Entfernung zu kommen, wodurch man sich von der Klage „der tot hat mir benommen“ umgeben fühlt. Mit Tanderadan führt dann ein Reigen tiefer hinein in das Labyrinth hin zu dem eher gesprochenen denn gesungenen Fama Tuba2 (eine erste Fassung findet sich auf dem ersten Helium Vola Album). Es ist das erste Stück mit einem echten Beat und hier tobt Ernst sich dann auch hemmungslos am Synthesizer aus. Doch sofort kehrt wieder Ruhe ein mit E Raynauz, eine Romanze über Rainaut und Erembor, wunderschön interpretiert von Sabine und wie fast alle Liebeslieder bei Helium Vola altfranzösisch bzw. provenzalischen Ursprungs. Das zweite Lied auf dieser ersten CD, Die Andre, ist dann wieder ganz traurig-melancholisch gehalten, mit einem schönen Text von Ernst über eine unerwiderte Liebe. Er selbst hat es mit dem Märchen der kleinen Meerjungfrau umschrieben. Wer bei Ich will den sumer gruezen, dem einzigen uneingeschränkt fröhlichen Stück voll überschäumender Freude, zwischen diesen beiden Liedern stillsitzen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Den ausgesprochen komplexen Abschluss der ersten CD macht mit Napaktun speaks ein Stück, bei dem Sprüche monoton klar gesungen aus der Zeit der Kreuzzüge einer ins Englische übertragenen und beschwörenden Maya-Prophezeiung entgegengesetzt werden. Zwischendrin meint man im verzerrten Synthesizer die verlorene Stimme Napaktuns selbst zu vernehmen. Im letzten Drittel erklingt dann der letzte Teil der Prophezeiung „Ash does not suffer“ als eine Art mehrstimmiger Hymnus gesungen von Andreas Hirtreiter.

Die zweite CD beginnt mit The unquiet grave, einem englischen Volkslied aus dem 15. Jhd., das schon vielfach vertont wurde. Die Version von Helium Vola ist natürlich anders und liegt irgendwo zwischen trauriger Ballade (wie z.B. von Joan Baez oder Luke Kelley) und tanzbarem Irish Folk (wie bei Faith&The Muse). Joel Frederiksen und Hannah Wagner harmonieren hier wunderbar. Es folgt mit Heia wie sie sang ein sehr tanzbares Stück aus der Carmina Burana. Amor m’a posto ist eine Petrarca Vertonung, die aber ganz anders ist, als die beiden Petrarca Madrigalen auf „Für Euch, die Ihr liebt“. Intensiv versuchen hier die Synthesizer Loops einen energetischen Ausbruch, aber dennoch schwingt hier eine gewisse Vergeblichkeit in Sabine Lutzenbergers beweglicher Stimme. In Rose am Dorn fällt Hannah Wagner dann zurück in schmerzhafte Melancholie voll Verzweiflung. Das Stück wirkt wie das Pendent zur Witwenklage auf der ersten CD. Excalibur, dessen Wut letztlich auch vergebens ist, konnte man ja schon länger auf youtube hören. Etwas gewöhnungsbedürftig ist vielleicht, dass die tiefen Frequenzen aus Joel Frederiksens wundervollem Bass zu Beginn herausgefiltert werden. Das nächste Stück DirIch ist eine Komposition von Sabine Lutzenberger (ihre Tochter spielt hier die Violine) und äußerst experimentell mit einem celtic folk Einschlag. Hier erhebt sich das Gemüt und die Seele kann gleich dem Vogel einmal das Labyrinth von oben betrachten. Der folgende Panzer Hymnus beginnt mit einem Intro gesungen von Priska Eser um dann in eine wütend-chromatische Beschwörung über zu gehen. Hier hämmert der Synthesizer und trotz des sehr konkreten Textes bezüglich der zu schützenden Körperteile wirkt es, als ginge es hier eher um den Schutz vor Verzweiflung. Letztlich bleibt aber doch nur die Wehmut in Diu welt was gelf, einem Stück aus den Mädchenliedern Walthers von der Vogelweide. Die Sehnsucht nach dem Sommer, die fast süßliche Zartheit, der Schmerz ob des Winters erinnern stark an „Maienzeit“ auf dem Vorgängeralbum. Das Album findet seinen Abschluss mit Aquil altera, einem Stück bei dem der„ars subtilior“ folgend, drei verschiedene Texte und Melodien zueinander finden. Es wirkt dabei wie ein fragiles Gebilde, eine filigrane Schnitzerei, in der sich die unterschiedlichsten Muster auftun. Das ganze wird abgelöst durch ein ostentatives Motiv, das auch auf Qntal I schon in Vogelgezwitscher erklang und wie ein Blick auf den Anfang wirkt. Was folgt ist eine Art akustisches Kaleidoskop mit vielen Samples, die Muster bilden und wieder verschwinden, noch bevor man sie verorten kann. „Wohin?“ endet damit ohne Richtung in einem Fragezeichen etwas verstörend mitten im Labyrinth. Ob uns wohl das nächste Album den Weg hinaus weisen wird?

von CM

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