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Deine Lakaien
DEINE LAKAIEN - „Crystal Palace“

07.08.2014
„Welcome to Crystal Palace“, singt Alexander und lädt „all of you dreamers“ ein. Wer diese Einladung annimmt, wird tatsächlich das Gefühl haben, Alexanders und Ernsts Träume zu teilen. Die intensive Intimität von „Crystal Palace“ ist auf den bisherigen Alben der Band unerreicht.

Die Stücke handeln von inneren Konflikten, Aufruhr und Krisen aber auch positiven Entwicklungen, die, was für „Deine Lakaien“ eher ungewöhnlich ist, von einem sehr subjektiven Standpunkt aus beschrieben werden. Weniger ungewöhnlich sind die auftretenden Charaktere: Sünder, Heilige, Engel, Teufel, Geister; sie alle finden ihren Platz in den Texten, wie auch Himmel und Hölle – eine Erinnerung an die frühen Werke der Gruppe wie auch die Synthesizer-basierte Musik. Dazu gesellt sich das ausgefeilte Songwriting - ausgesprochen schöne Melodien und interessante Variationen in der Struktur sorgen dafür, dass es nie langweilig wird. Abwechslungsreich, dabei ausgewogen in elektronischen und akustischen Komponenten, sowie zwischen bewegten und ruhigen Stücken mit leichtem Hang zu letzteren und insgesamt sehr harmonisch - das Album ist wirklich sehr schön geworden!

Für all dies ist „Nevermore“, der Opener des Albums, ein sehr gutes Beispiel. Das Stück beginnt tröpfelnd mit einem rhythmischen Bruch zwischen den Strophen, der an die „Karussell-Musik“ in der Bridge von “The battle of the ghosts” auf „1987 - the early works“ erinnert. Der Song erreicht einen ersten Höhepunkt mit dem Refrain, einer nachdrücklichen und intensiven Beschwörung „Nie wieder“, begleitet von satter Elektronik und einem Klaviermodul als akustischer Komponente. Das nachklingende Piano löst die Spannung und lässt den Song zu dem leisen Beginn zurückkehren. Stück für Stück fügen sich elektronische Lagen zusammen, während der Song sich zum Instrumentalteil entwickelt. Dieser wird von dem Klaviermodul dominiert, das den Höhepunkt des letzten Refrains hinauszögert. Durch diese Elemente wird das kraftvolle “Nevermore” zu einem typischen Lakaien-Song und einen gut gewählten Vertreter für das Album. An dieser Stelle möchte ich noch kurz anmerken, dass, obwohl die komplett elektronische Produktionsweise von “Crystal Palace” eine starke Anlehnung an frühere Veröffentlichungen nahe legt, sich außer den Bruchteilen in “Nevermore” keine direkten Anleihen finden Iassen. Sowohl die Klangästhetik, als auch Alexanders Gesangsperformance haben sich erheblich weiterentwickelt.

Der nächste Song „Farewell“ beginnt mit einem marschierenden Beat und der Zweistimmigkeit zum Trotz monotonem Gesang. Der melodische Refrain bildet dazu einen schönen Kontrast, während der Instrumentalteil ausgesprochen einfach gehalten ist. Dabei konnte es sich Ernst allerdings nicht verkneifen, ein paar Off-Beat Elemente hinzuzufügen. Die notwendige Reibung am Ende wird mit einer Rückung des Refrains erzeugt. Ich muss zugeben, dass ich mich mit diesem in der Pop-Musik sehr üblichen Element nie habe anfreunden können und deswegen zu diesem Stück nicht wirklich eine Beziehung aufbauen konnte. Nichtsdestotrotz ist es offensichtlich, dass dieser Song in den Klubs gut aufgenommen wird und er ist mit Sicherheit eine hervorragende Wahl für die Single Auskopplung. Die Textzeile „Farewell, farewell my own true love“ ist übrigens ein Zitat aus dem Folksong „The house carpenter“, von dem Ernst im Interview mit dem Sonic Seducer erwähnte, dass er die Inspiration zu dem Text von „Those Hills“ gewesen ist. In Ernsts Version von diesem Stück geht es um einen dämonischen Liebhaber, der eine Frau dazu verführt, mit ihm durchzubrennen und Mann und Kind zurückzulassen. Erst kurz vor dem Ende erahnt sie die wahre Natur ihres Geliebten. Von Anfang an erschafft Ernst eine absolut dunkle und beängstigende Atmosphäre. Elektronische, ostinative Motive mit verzerrten Tönen laufen einem kalt das Rückgrat hinab - trotz des heißen Beats. Abgesehen vom ständigen Wechsel der Erzählperspektive hat das Stück nicht mehr viel gemeinsam mit dem Folksong wie man sich selbst in dieser wunderschönen Interpretation von Joan Baez überzeugen kann.

Nach diesem dämonischen Stück, senkt Alexander seine Stimme zu einem weichen Flüstern in „Eternal Sun“. In diesem ruhigen, verzweifelten Song scheint im Refrain ein wenig Hoffnung durch, die jedoch vergeblich sein kann. Dieselbe Gesangstechnik verwendet Alexander auch in „Forever And A Day“, bei dem ein sanft treibender Rhythmus ihn fast atemlos klingen lässt. Fließend zwischen Dur und Moll ist dieses Stück ist eine typische Lakaien Ballade wie auch „Where The Winds Don’t Blow“. Dieser Song entwickelt mit seinen auf- und abwärts laufenden Quintverwandtschaften eine gewisse Folk-Affinität. Wobei Ernst es natürlich versteht, die eine oder andere unerwartete Wendung einzusetzen. Der Refrain gewinnt durch seine Zweistimmigkeit gegenüber den Strophen an Intensität. Bereits ganz gefangen mit den Lakaien träumend wird man von dem plötzlich einsetzenden Gitarren-Riff von „The Ride“ kalt erwischt. Die Geister, die hier auf der Schulter reiten, erinnern den Fan einmal mehr an die Frühwerke der Combo. Und wie diese ungebetenen Gäste rocken! Das sollte auch Goran Trajkoski gefallen, der die Band seit Kurzem in der Live-Besetzung verstärkt. Einige kennen ihn vielleicht von der Mazedonischen Kult-Band Mizar oder auch vom Veljanov Projekt.

Der Song, der als Namensgeber des Albums diente, ist nicht wirklich repräsentativ dafür. Dennoch wird der geneigte Hörer sich daran erfreuen, den er nimmt jeden mit auf die eigene Assoziationsreise in die psychedelischen späten 1960er Jahre. In meinem Fall haben mich die Sitarklänge direkt an George Harrison und Ravi Shankar erinnert und mich zu dem aktuellen Projekt von dessen Tochter Anoushka geführt. Ein schönes Beispiel ist das Stück „Monsoon“ auf ihrem Album „Traces of you“, auf dem auch ihre Halbschwester Norah Jones mitwirkt. Zurück im „Crystal Palace“ begegnet man einem schnellen 4/4 Refrain, der den langsamen 6/8 Takt der Strophen ablöst. Es ist wirklich ein verrücktes Stück! Was muss man eigentlich rauche, um Sitar und Cembaloklänge zu kombinieren? Wenn ich das rauche, dann bekomme ich jedenfalls diese Vision von Alexander, der mit Blumen im Haar Schellenkranz spielt…die intime persönliche Nähe des Albums lässt sich wenigstens teilweise damit erklären, dass “Crystal Palace” der einzige Song auf dem Album ist, der nicht in der ersten Person geschrieben ist. Nur auf der Special Edition findet sich ein weiteres Stück, “The Swan Song”. Dieses ist elektronischer mit synkopiertem Beat, der die Strophen begleitet. Das Cembalo begegnet einem hier wieder. Der Song ähnelt einem Märchen mit der Verwandlung in der Brücke und der Erlösung im Refrain. Einfach schön!

Sollte man jemals in Selbstmitleid ertrinken, dann hält einem der Song “Why The Stars” den Spiegel vor. Es ist Klage eines Menschen, der sich darüber beschwert, dass es ihm schlecht geht, während alle anderen gut drauf sind, vor dem Hintergrund einer verspielten Begleitung. Der Spiegel findet sich auch in der Struktur des Stückes, die quasi an der Brücke in der Mitte gespiegelt wird. Hier dreht Ernst seine Synthesizer voll auf und lässt sie von der Leine. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Stück auch Slobodan Kajkut viel Spaß machen kann. Der Drummer von der Porta Macedonia Tour gehört wie Goran Trajkoski zur aktuellen Live-Besetzung. Um die Brücke herum schmiegen sich fast kontemplative Teile, in denen man der Musik quasi die Stufen hinab in die dunklen unbewussten Bereiche folgen kann. Dankenswerter Weise wird man danach genauso auch wieder herauf geführt.

Der nächste Song „The Lights Of Our Street“ ist mir beim ersten Hören nicht besonders aufgefallen. Inzwischen halte ich das Stück tatsächlich für die schönste Ballade auf „Crystal Palace“. Mit seinen einfachen Harmonien ist es sehr tröstend und friedlich. „Ein Schlaflied für Erwachse“ hat Alexander dazu in der Track by Track Serie auf dem YouTube Kanal der Gruppe gesagt. Ich muss zugeben, dass ich positiv überrascht war, als ich erfuhr, dass der Titel von Alexander stammt. (Wieso in aller Welt gab es in den letzten Jahren kein „Veljanov“ Album?) Ernst hat das Ganze mit zarten Klängen abgerundet, seine Synthesizer schnurren, gurgeln und zwitschern, während Klanghölzer und gezupfte Saiten den Rhythmus vorgeben. Die Elektronik atmet hier ganz wie „normale“ Instrumente. Wirklich ganz zauberhaft! Ähnlich friedlich sind nur noch die „Portuguese Trails“ auf der Special Edition. Dieser Song bringt einen mit seinem leisen Herzschlag in eine wunderbar melancholische Erinnerungsstimmung.

„Pilgrim“ ist auf der Special Edition der letzte Titel und ein Muss für alle Freunde komplexerer Musik. Das Stück handelt von einem Pilger im Herbst, was durch mittelalterliche Anleihen wie die führenden Quarten und Quinten in der Musik unterstrichen wird. Im Kern findet sich eine Motette, die Stimme für Stimme aufgebaut wird, nur um im Instrumentalteil wieder auseinander genommen und etwas verquer wieder zusammengesetzt zu werden, dennoch geht der Song-Charakter niemals verloren. Inhaltlich taugt das Stück als krönender Abschluss der „Reincarnation-Serie“, die ja eigentlich längst ad acta gelegt war. Aber hier “schlummert” einmal mehr die “Wiederkehr im Verfall” bis „die Zeit die Leere neu beginnt“ und nur noch Träume bleiben zurück.

von CM

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