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Deine Lakaien
Deine Lakaien vermitteln zwischen Feuilleton und Lehrerschreck

Interview

AKTIV Musikmagazin 01.04.1999

Deine Lakaien sind in der Tat ein außergewöhnliches Phänomen: In dem gleichen Maße, wie die Independent-Kultur der Achtziger zerfiel und insbesondere Sub-Szenen wie die Dark-Wave-Bewegung immer stärker Auflösungserscheinungen zeigten, wuchs der Erfolg der Elektronik-Epigonen.

Erschien 1986 ihr ‘1st Album’ noch in denkbar kleiner Auflage in Eigenvertrieb, so gelang 1993 mit dem Longplayer ‘Forest Enter Exit’ erstmalig der Einstieg in die deutschen Media Control Charts. Deine Lakaien können machen, was sie wollen. Und sollte dies zufällig ein „Acoustic“-Live-Album sein, auf dem sie ihre düstere Version elektronischer Tanzmusik auf einem präparierten Klavier zu Gehör bringen, so geht ein breites Publikum damit daccord - ohne mit der mit Kajal-Stift nachgezogenen Wimper zu zucken. Ein solcher Versuch plazierte sich jedenfalls vor vier Jahren zuverlässig in den Charts, irgendwo zwischen Andrew Lloyd Webber und Claudia Jung.

Entsprechend hochgesteckt sind die Erwartungen an das im April erscheinende Studioalbum ‘Kasmodiah’. Das Video für VIVA ist schon fertig, die Single ‘Return’ steht in den Läden. Volle drei Jahre haben sich der Berliner Sänger Alexander Veljanov und der Münchner Synthesizer-Tüftler Ernst Horn seit dem Konzeptalbum ‘Winter Fish Testosterone’ Zeit gelassen, sich in aller Ruhe ihren Live-Aktivitäten und Nebenprojekten gewidmet. Im Frühjahr letzten Jahres ging es dann ganz allmählich an das Skizzieren von neuen Ideen. Gemach, gemach, gut Ding will Weile haben. Die auffälligsten Neuerungen sind indes eher kosmetischer Natur.

Deine Lakaien kommen nunmehr als Quartett daher. Violinist Christian Komorowski und Multi-Instrumentalist Michael Popp, vormals lediglich als Tourmusiker beschäftigt, gehören nun fest zur Band. Damit hat es sich auch schon fast: Um alle aktuelle Trends in der Elektronik-Szene scheren sich Deine Lakaien einmal mehr einen feuchten Kehricht. Ernst Horn, musikalisches Mastermind mit Kapellmeister-Diplom, vertraut selbstbewußt auf das, was er gelernt hat: Solides Songwriting, ausgefeilt bis in die Nebenstimmen, souveränes Hantieren mit Kirchentonarten, barocken Einsprengseln und romantischen Harmonieverbindungen ganz nach Bedarf und vor allem Lust und Laune. Und er schwört auf seinen fast schon antiquierten Synthesizer-Fuhrpark. Auch wenn analog Schätzchen bei den Hipsters der Techno- oder Drum’n’Bass-Generatin sich enormer Beliebtheit erfreuen, benutzt Horn seine Gerätschaften immer noch so, wie es in der Synthie-Pop-Ära der Achtziger anerkannter Standard gewesen sein mag. Moderne Breakbeats? Filtersweeps?

Durch den Gater geschredderte Flächensounds? Fehlanzeige. „Ich weiß nicht, ob wir, was die Sound anbetrifft, oldfashioned sind“, gibt Horn zu Protokoll. „Strukturell aber auf alle Fälle. Wir legen halt großen Wert auf das Songwriting.“ Unprätentiose Beates im Midtempo-Bereich, die die mitunter weitgeschwungenen Melodiebögen zusammenhalten und die dem Renaissance-Lied nachempfundene Melancholie tanzbar machen. Darüber die freilich nicht besonders wandlungsfähige, aber charaktervolle Stimme Veljanovs mit dem etwas putzigen mazedonischen Akzent der englischen Lyrics. „Sich treu geblieben“ nennt man das wohl.

„Wir rennen ja nicht irgendeinem Zeitgeist hinterher“, winkt Veljanov ab. „Seit fünfzehn Jahren wurzelt die musikalische Ästhetik, die wir verfolgen, in den Frühzeiten der Wave-Musik.“ Und doch leisten sich Deine Lakaien den Luxus, aktuelle Zeitstömungen zumindest zu kommentieren in aller Regel mit der gebotenen Distanz.

Ihren Fans dürfte wohl der Track „Resurrection Machine“ in Erinnerung geblieben sein, ein songthematisch gebundener, nichtsdestotrotz aber bissiger Kommentar der Techno-Errungenschaften.

Reminiszenzen und humorige Verweise denn auch en masse auf ‘Kasmodiah’: Ohrenfälliges Beispiel wohl „Laß mich (dein Lakai sein)“. Verzerrte Vocals, ein gewollt dümmlicher Text und eine musikalische Gestalt, die an die Soundtracks jugendgefährdender C64-Spiele gemahnt. „Irgendwie war es mir nie ein Bedürfnis, bestimmte Tendenzen des deutschen Musikalltags zu kommentieren, diese spezielle Ästhetik, diese musikgewordene Erotik in Teilen der sogenannten schwarzen Szene“, sagt Veljanov.

Wer wollte es ihm verdenken? Vielleicht ist es gerade diese Nonchalance auf der einen und das notorische Festhalten an dem, was man selbst musikalisch für richtig hält, auf der anderen Seite, was es für ein breites Publikum offenkundig so einfach macht, sich auf Deine Lakaien zu einigen. „Die Wave-/Gothic-Szene hat sich sehr stark aufgesplittet in den vergangenen zehn Jahren“, glaubt Horn. „Da funktionieren wir teilwiese sicher als so eine Art Sammelbecken.

Insgesamt allerdings hat sich unser Publikum sehr stark erweitert. Wir stehen für eine bestimmte Art des Songwritings, die unabhängig von irgendwelchen Dresscodes funktioniert und eine gewisse Allgemeingültigkeit hat.“ Veljanov ergänzt: „Sicher hat auch das Album mit dem präparierten Klavier einiges dazu beigetragen:

Das Feuilleton ist auf und aufmerksam geworden. Wenn du in der Zeit eine Plattenkritik hast, kommen auch plötzlich Leute zu deinen Konzerten, die aussehen wie die Eltern deines früheren Publikums. Oder Lehrer mit ihren Schülern.“ Die dann aber nicht immer begeistert sind: „Immer wieder gerne wird mit unseren Texten im Englischunterricht gearbeitet. Mit fatalen Folgen: Wenn die meinen, schlimme Dinge in unsere Texte hineininterpretieren zu müssen… Einer glaubte mal, daß ich es in ‘Follow Me’ klasse fände, wenn Männer was mit kleinen Mädchen machen. Die Schüler waren dann so aufgebracht, daß sie kollektiv in einem Zehnerpulk nach einem Konzert von mir wissen wollten, ob das denn stimmt - mit Tränen in den Augen!“

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